Hier stehen Ihnen Erfahrungsberichte von Patienten zum Thema Borderline und DBT zur Verfügung.

Die Borderlinematrix – Arbeit mit einem schwierigen Klientel?

Samstagabend 21.15Uhr. Im TV läuft gerade der Film „Matrix“ mit Keanu Reeves, als mein Handy klingelt. Am Klingelton (Sia mit „Breath me“) erkenne ich bereits, dass es eine meiner Klientinnen mit Borderline ist. Ich lege also die Schale mit Funny Frish Chips – Ungarisch (mein Samstagabend Skill) zur Seite und stelle den Film auf Time shift Funktion. Somit muss Neo mit seinem Kampf gegen die Matrix bis nach dem Telefonat warten. Ich gehe also ans Handy. Eine tränenenstickte und gepresste Stimme teilt mir folgendes mit:

Frau X: „Herr W., es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber mir geht es total schlecht, meine Anspannung ist bei mindestens 13. Ich habe schon alles versucht, aber es hilft nichts.“

Herr W: „Erst mal finde ich es gut, dass Sie angerufen haben, das ist ihnen sicherlich nicht leicht gefallen. Was haben Sie den schon versucht?“

Frau X: „Igelball, Ammoniak, Coolpack, hat alles nicht geholfen. Nichts hilft. Das ist doch alles Scheiße. Ich werde noch verrückt.“

Herr W: „Frau X., spüren Sie ihre Arme und Beine noch?“

Frau X: „Nein, alles weg. Ich bin alleine und krieg nichts mehr mit. Ich halte das nicht mehr aus.“

Herr W: „Frau X., ich weiß, dass das ein total unangenehmer Zustand ist , in dem Sie sich gerade befinden, aber was können Sie jetzt tun, um Ihre Arme und Beine wieder besser zu spüren?“

Frau X: „Was weiß ich? Am liebsten würde ich mir die Klingen aus dem Badezimmer holen und schneiden. Was glauben Sie , warum ich Sie anrufe, verdammte Scheiße?“

Herr W: „Ok. Ich merke es geht Ihnen sehr schlecht und der Schneidedruck ist sehr hoch, aber Sie haben es bisher geschafft, sich nicht selbst zu verletzen, oder?“

Frau X: „Nein, sonst hätte ich ja nicht angerufen. Was soll ich nur machen?“

Herr W: „Ich finde es gut, dass Sie sich an unsere Absprachen halten. Ich weiß ja auch, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Darum möchte ich Ihnen jetzt einen Vorschlag machen. O.K.?“

Frau X: „Ja, O.K.“

Herr W: „Ich glaube, dass Sie gerade dissoziieren, und sich deshalb nicht mehr richtig spüren. Deshalb möchte ich jetzt, dass Sie folgendes versuchen. Nehmen Sie sich einen kleinen flachen Stein aus Ihrem Skillkoffer, legen Sie sich diesen in den Schuh und gehen Sie bitte stramm bis zum nächsten Kiosk und wieder zurück. Nehmen Sie sich dabei Ihren Holzigelball und Ihren Handschmeichler aus der Therapie mit (Die Klientin hatte sich in einer Therapiesitzung einen Stein ausgesucht, der sie an die Therapie und die Unterstützung durch Ihren Therapeuten erinnern sollte- Übergangsobjekt). Ist das möglich?“

Frau X: „Ja, ich denke schon.“

Herr W: „Gut. Danach möchte ich, dass Sie unter die Dusche gehen und sich mit kaltem Wasser abduschen. Zuerst die Beine und dann die Arme und dann den restlichen Körper. O.K.?"

Frau X: „Jaaa, kann ich machen, aber das hilft bestimmt auch nicht.“

Herr W: „Das werden wir dann sehen, probieren Sie es erst mal aus und dann sprechen wir nochmal. Wann, meinen Sie, können Sie mich wieder anrufen?“

Frau X:“Vielleicht in einer halben Stunde? “

Herr W: „O.K., dann hören wir uns in einer halben Stunde wieder. Kann ich mich darauf verlassen?“

Frau X: „Ja.“

Herr W: „ Gut, dann bis gleich, viel Erfolg!“

Frau X. meldete sich wie besprochen nach 30 Minuten. Ihre Anspannung war deutlich zurückgegangen und sie konnte Arme und Beine wieder spüren. Ihre Stimmung war zwar noch sehr gedrückt, der Schneidedruck war jedoch vorläufig in den Hintergrund getreten. Es konnte mit ihr besprochen werden, dass sie sich einen Tee macht und sich dann in ihr Bett legt und sich einen alten Kinderfilm aus ihrer Skillsammlung anschaut. Mit der Aussicht auf den nächsten Therapietermin, wenige Tage später, konnte das Gespräch beendet werden. Die Krise war vorerst überwunden und ich beendete meinen Abend mit Neo und Trinity, die erfolgreich versuchten, der Matrix zu entfliehen, so wie auch Frau X. erfolgreich aus ihrer Wirklichkeitskonstruktion entkommen war.

So oder ähnlich erlebe ich immer wieder das Telefoncoaching mit Borderlineklienten. Mal passiert es zu Hause, manchmal im Auto oder im Restaurant mit Freunden. Ich erlebe es jedoch bei weitem nicht so häufig, wie skeptische Kollegen es vermuten würden. Das Telefoncoaching ist fester Bestandteil der Dialektisch Behavioralen Therapie der Borderlinestörung (DBT), nach Marsha Linehan. Es unterliegt klaren Regeln und ist nur für den absoluten Krisenfall gedacht. Meine Erfahrungen damit sind sehr gut. Ich fühle mich dadurch weder in meiner Privatsphäre noch in meiner professionellen Distanz zu den Klienten beeinträchtigt. In der Regel werde ich von diversen Callcentern unterschiedlicher Mobilfunkanbietern wesentlich öfter kontaktiert und dann auch belästigt.

Ich arbeite nun bereits ein paar Jahre mit Borderlinern, sowohl ambulant als auch voll- und teilstationär. Die Arbeit ist sehr intensiv, vielseitig und herausfordernd. Manchmal auch überfordernd. Dann erlaube ich mir Supervision oder Rat in unserem Netzwerk (dbt-netzwerk-westfalen.de). Ich möchte die Arbeit mit dieser besonderen Klientel nicht mehr missen, weiß aber auch, dass ich meine eigene Grenzen wahren und vertreten muss. Damit kann ich mich im besten Fall beruflich und persönlich weiterentwickeln und hier und da meine Erfahrungen an Klienten weitergeben oder mich mit Kollegen austauschen.

Das Leben von Menschen mit Borderline ist vielleicht in Ansätzen vergleichbar mit dem der Menschen in der Matrix. Oft erleben sie es als künstlich, fremdgesteuert, wenig spürbar und irgendwie unecht. Haben aber gleichzeitig nicht das Gefühl, diesem Leben aus eigener Kraft entfliehen zu können. Vielleicht ist die DBT dann eine Möglichkeit den Menschen mit Borderline zu zeigen, dass es noch ein Leben jenseits der Matrix gibt und ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, dieses Leben zu nutzen. Eigenverantwortlich, achtsam und freiwillig.

MW